Mausekönig Der Mausekönig mit den sieben Köpfen!

 

Vorwort:

Im Alter von zwölf Jahren fiel mir durch Zufall eine Ausgabe von „Nussknacker und Mausekönig“ in die Hand, die der Drachen-Verlag 1961 gedruckt hatte. Besonders die Schlacht zwischen der Spielzeugarmee und den Mäusen beflügelte meine kindliche Fantasie. Vor einigen Jahren beschloss ich daher, im Rahmen der alljährlichen Weihnachtsdekoration diese Schlacht mit kleinen Figuren nachzustellen. Aus diesen Anfängen heraus entwickelte sich der Wunsch dieses Märchen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gleichzeitig wollte ich hierdurch der systematischen Vernichtung der deutschen Kultur im Zeitalter der sogenannten Globalisierung entgegen wirken.

 

Die Originalfassung dieses Märchens entstand 1816. Diese ist in der Sprache des neunzehnten Jahrhunderts verhaftet und enthält Begriffe wie „Pantalon“, „Tirailleur“ und „Tragantpüppchen“, die Kindern und Erwachsenen im Jahr 2014 regelmäßig nicht mehr geläufig sind. Daher habe ich den Text in modernem Deutsch neu gefasst und an geeigneten Stellen einige Erläuterungen eingefügt, die die Handlung für heutige Kinder verständlicher machen. Kleine inhaltliche Ungereimtheiten wurden bei dieser Gelegenheit beseitigt. Beispielsweise kann Marie als siebenjähriges Mädchen nicht in einen Mantelärmel klettern, ohne zuvor auf Puppengröße geschrumpft zu werden. Gleichzeitig habe ich versucht, die Originalfassung inhaltlich möglichst präzise wiederzugeben, wobei mir der Text der Erstausgabe „Kinder-Mährchen, zweites Bändchen, Berlin, 1817, in der Realschulbuchhandlung“ als Arbeitsgrundlage für die von mir selbst geschilderte Handlung diente.

Die Fotos zu den einzelnen Kapiteln wurden von mir selbst mit Material aus meinem eigenen Modellbaufundus erstellt. Sie werden nach und nach vervollständigt werden und erheben keinen Anspruch auf Professionalität. Sie sollen aber gerade den Kindern einen besseren Eindruck von der gewaltigen Fantasiewelt vermitteln, die sich in diesem Kunstmärchen der Spätromantik verbirgt.

 

In unserer heutigen Informationsgesellschaft ist das Märchen „Nussknacker und Mausekönig“ praktisch nur noch als Ballett von Tschaikowsky und in diversen Verfilmungen bekannt. Letztere entstellen die historische Vorlage inhaltlich bis zur Unkenntlichkeit. Als typisches Beispiel hierfür möchte ich den Film „Der Nussknacker“ aus dem Jahr 2009 (Regisseur: Andrej Kontschalowski, Elle Fannig als „Clara“ (Marie)) anführen. Hier werden der Mausekönig und seine Soldaten in deutsche Wehrmachtsuniformen gesteckt und begehen eine Art Völkermord an den Spielzeugpuppen der Kinder. In der Vorstellungswelt vieler Zeitgenossen beschränken sich deutsche Geschichte und Kultur auf die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1945. Diese Einstellung vergiftet selbst noch ein Werk, das unmittelbar nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon Bonaparte geschrieben wurde.

 

Zu guter Letzt noch eine Anmerkung zu den handelnden Personen des Märchens:

Als Vorbild für Marie, Fritz und Luise dienten E.T.A. Hoffmann die drei Kinder seines Freundes Eduard Hitzig. Dessen älteste Tochter hieß Eugenie, gefolgt von seinem Sohn Friedrich und seiner jüngsten Tochter Clara. Letztere war eine vielumworbene und besungene Schönheit, die den Ministerialbeamten Franz Kugler heiratete und diesem drei Kinder schenkte. Kugler war in der Berliner Künstlerszene aktiv und führte einen privaten Salon, der für seine künstlerische Atmosphäre gerühmt wurde. Dort übernahm Clara Kugler ihre Rolle als Gastgeberin, wobei sie sich hauptsächlich auf die häusliche Organisation und das leibliche Wohl der Gäste konzentrierte. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1858 übersiedelte sie nach München in das Haus ihres Schwiegersohns. Dort verstarb sie wenige Jahre später an gebrochenem Herzen. In der Gestalt der kleinen Marie hat E.T.A. Hoffmann dieser bemerkenswerten Frau ein Denkmal gesetzt. Das kleine Mädchen beweist große Standhaftigkeit und Treue, mit denen sie den hässlichen Nussknacker beschützt und ihn zum Ehemann nimmt. Ein derart edler Charakter kann auch heutigen jungen Mädchen noch als zeitloses Vorbild dienen.

 

Hamburg, im Winter 2013/2014

Ulrich Lenz

 

Literaturnachweis:

 

Rolf Strube (Herausgeber): „Sie saßen und tranken am Teetisch - Anfänge und Blütezeit der Berliner Salons 1789-1871“,, Verlag R, Piper GmbH & Co.KG, 2. Auflage 1992

 

Contessa/de la Motte Fouque/Hoffmann: „Kinder-Mährchen, zweites Bändchen, Berlin, 1817, in der Realschulbuchhandlung“, dritte Nachdruckauflage 1979 des Georg Olms Verlags, Hildesheim bzw. New York

 

Leonore Jahn/Karin Richter: „Bildwelten zu E.T.A. Hoffmann – Nussknacker und Mausekönig“, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, 73666 Baltmannsweiler, ISBN 3-8340-0079-5

 

E.T.A. Hoffmann/Roberto Innocenti: „Nutcracker“, Harcourt Brace & Company und The Creative Company, USA, First Creative Edition/Harcourt Brace edition 1996

 

E.T.A. Hoffmann/Gennady Spirin: „Nussknacker und Mausekönig“, Arena Verlag GmbH, Würzburg, erste Auflage 1997

 

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